Historie der Nachtschattengewächse

Heil und Unheil: Die Solanaceen

25.01.2008 Barbara Schuhrk

Nachtschattengewächse: Als Giftpflanzen verpönt, als Heilmittel schon seit der Antike verwendet. Ein medizinischer, phytotherapeutischer und historischer Ansatz

Nachtschattengewächse, Solanaceen gehören zu den botanisch wichtigsten Säulen der menschlichen Kultur. Zweifelsohne werden sie zumeist als Giftpflanzen bezeichnet, in der richtigen Dosierung jedoch sind sie heilsam wie in der Vergangenheit verbürgt. Alles kann gefährlich sein: Die Dosis macht das Gift!

Wohl und Wehe

Solanaceen sind weltweit verbreitet, ethnobotanisch reichlich genutzt. In dieser Familie gibt es Pflanzen, die dem Menschen Nahrung, Medizin, Genuss- und Rauschmittel, Reisekräuter und Räucherstoffe zur Verfügung stellen.

Die botanisch definierte Pflanzenfamilie hat vielerlei Prominente hervorgebracht: Kartoffeln, Tomaten, Paprika, Auberginen, Chilipfeffer und Tabak, das Bittersüß, den Schwarzen Nachtschatten, die Engelstrompete, die Tollkirsche, die Alraune und das Bilsenkraut.

Gerade die Letztgenannten können stark auf das Bewusstsein einwirken, es verändern und somit auch kulturverändernd sein.

Stark psychoaktive Nachtschattengewächse wurden seit der Antike mit zauberischen, seit dem Mittelalter mit hexerischen, in der Moderne mit psychotischen Anwendungen assoziiert.

Man brachte sie mit Wahnsinn in Verbindung, mit Dunkelheit, mit dem Schatten der Nacht, dem Nachtschaden. Vergessen wurde dabei, dass diese Pflanzen auch Lehrer sind, unverhohlene, gnadenlose Lehrer, die aphrodisische Wonnen in den Genießer zu zaubern wissen, höllischen Schrecken im Drogenkonsumenten heraufbeschwören.

Nachtschattengewächse sind nicht allein psychoaktiv, sondern beispielsweise auch anregend, euphorisierend, entspannend, angstlösend, schlaffördernd - und zahlreiche haben ihren Weg in Arzneipräparate gefunden.

Respekt den Mächtigen

Die Nachtschattengewächse waren stets Pflanzen der Wissenden, der Schamanen, Seherinnen, Zauberer und Heiler. Entsprechend dieser Vergangenheit, sollte man ihnen mit Respekt begegnen. Und zwar in jeder Hinsicht: Sie zu verteufeln verleugnet ihre Geschichte; sie zu missbrauchen führt eher ins Grab, als in ekstatische Gefilde.

Eine traurige Bilanz gipfelt in unwissenden Selbstversuchen, auch finden sich viele dieser Pflanzen heute im Betäubungsmittelgesetz wieder, während andere, die den genannten in ihrer Wirkung um nichts nachstehen, legal in jedem Gartencenter erhältlich sind.

Während viele den Weg in unsere Küche nahmen, heute höchstens aufgrund des Schadstoffgehaltes in die Gazetten geraten, während Maßnahmen zur Prävention von Langzeitschäden durch Tabakmissbrauch Millionen verschlingen, sich die Pharmaindustrie mit Nikotinpräparaten für Aussteiger beglückt, werden andere Familienmitglieder dieser Pflanzenfamilie nach wie vor verteufelt.

„Information führt zu Respekt, Erfahrung zu Verehrung“

In der Vergangenheit wurden Nachtschattengewächse verehrt: Nutzen wir die Erfahrung der Historie und lernen aus ihr - auch, dass sie keine Dämonen sind, der Mensch hingegen, der sie fälschlich nutzt, durchaus den „eigenen Dämonen begegnen“ könnte (Christian Rätsch, vgl. Quellen).

Eine bis heute in der Pflanzenheilkunde übliche Anwendung des Bilsenkrautes bei Ohrenschmerzen, findet sich bereits bei Shakespeare literarisch zum Giftmord verarbeitet. Die enge Beziehung der Nachtschattengewächse zum Tod, die Verwendung ihrer psychoaktiven Vertreter wird sie sicher niemals gänzlich von ihrem sagenumwobenen Dasein befreit sein lassen. Respekt aber muss nicht zwingend mit Angst einhergehen.

Nachtschatten gegen Nachtschaden

Es heißt, der Name stamme aus der Verbindung zum Nachtschaden, nächtlichen Alpträumen. Unsere Vorfahren nutzten Nachtschattengewächse, um diese zu bannen: Gegen vermeintliche Dämonen helfen nur vermeintliche Dämonen.

Eine logische Schlussfolgerung, deutlich logischer als die direkte Übersetzung, birgt doch die Nacht selbst nur selten Schatten. Der wissenschaftliche Gattungsname stammt vom lateinischen Wort „solumen“ für Trost und Beruhigung: Schmerzstillung.

Solanaceen sind anspruchslose, meist krautige Blütenpflanzen, reich an arzneilich wirksamen Inhaltsstoffen. Zugleich aber weist jede von ihnen auch mindestens einen giftigen Pflanzenteil auf.

Die psychedelische, toxische und teils auch lebensgefährliche Dosierung Tropanalkaloid-führender Solanaceen liegen dicht beieinander. Da der Gehalt stark schwankt, ist das Risiko einer Vergiftung sehr hoch, zumal die Inhaltsstoffe je nach Pflanzenorgan stark variieren: Das Wechselspiel, die Mischverhältnisse aller Inhaltsstoffe müssen berücksichtigt werden, da sich diese sowohl positiv als auch negativ beeinflussen können.

Die wichtigste Voraussetzung, um Arzneimittel aus Pflanzen herzustellen, ist die genaue Kenntnis aller verwendeten Materialien und ihres Verhaltens in der Mischung. Nur so ist es möglich, stark wirksame Pflanzenauszüge als nebenwirkungsfreie, heilsame und ungefährliche Arzneien zu nutzen. Aus Unkenntnis oder Bequemlichkeit auf das Minimum reduzierte Rezepturen können tödlich wirken, obwohl vielleicht nur ein einziges Gewürz weggelassen worden ist. Wirksamkeit und therapeutisches Potential von Pflanzen können und dürfen somit nicht allein auf einen Stoff reduziert werden.

Das vergessene und verteufelte Wissen

Einst gab es das Wissen um Wirkstoff und Wirkung, die Pflanze als Gesamtheit. So wurden sie genutzt und heilbringend eingesetzt. Die Unfähigkeit, das scheinbar wundersame Verständnis zu erläutern, medizinische und andere Phänomene zu erklären, führte zur einer Mystifizierung und Legendenbildung. Eine dieser Legenden sind die Hexensalben und ihre Ingredienzien.

Nachtschattengewächse, insbesondere Bilsenkraut, Nachtschatten, Stechapfel und die Alraune, waren bereits in der Antike beliebte Heilpflanzen. Wie Opium waren sie Bestandteile stark wirksamer Heilmittel, Mittel, deren Zusammensetzung spätestens nach Erfindung des Buchdruckes im 17. Jahrhundert öffentlich zugänglich wurde.

Im Laufe der Jahrhunderte wurden viele altbewährte Rezepturen entsprechend der naturwissenschaftlichen Entwicklung auf ihre Prioritätswirkstoffe hin reduziert und entsprechend publiziert. Lebenslust und mystische Welterfahrung waren der christlichen Kirche ein Dorn im Auge; die verdrängte Sexualität des Klerus führte seine Mitglieder dazu, ihr „begehrtestes Objekt“ entweder zur Heiligen hochzustilisieren oder als Hexe dem Teufel zuzuordnen. Heilpflanzen wie Nachtschattengewächse, die auch die Sinneswahrnehmung zu verändern wissen, kombiniert mit Gewürzen, die die Durchblutung im Beckenbereich erhöhen, können einen erotisierenden Effekt haben: Dies galt es zu unterbinden!

Vielleicht ein Grund, dass stark durchblutungsfördernde Gewürze im Laufe der Jahrhunderte stetig mehr aus den Rezepturen verschwanden.

Die Heilpflanzenkunde ersetzt bei Beschwerden nicht den Besuch eines Arztes oder Heilpraktikers. Auch übernehmen weder Autor noch Suite 101 jedwede Verantwortung für die Risiken einer Eigenbehandlung infolge des Artikels.

Literaturhinweise

  • Berger, Markus, Stechapfel und Engelstrompete, Nachtschattenverlag 2003
  • Hansen, Harold A., Der Hexengarten, München, Dianus-Trikont Verlag 1983
  • Müller-Ebeling/ Rätsch, Zauberpflanze Alraune, Nachtschattenverlag 2004
  • Ochsner, Hexensalben und Nachtschattengewächse, Nachtschattenverlag 2003
  • Rätsch, Christian, Schamanenpflanze Tabak, Nachtschattenverlag 2002
  • Rätsch, Christian, Schamanenpflanze Tabak, Band II, Nachtschattenverlag 2003
  • Rätsch, Christian, Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, AT Verlag 2007
  • Schenk, Gustav, Schatten der Nacht, die Macht des Giftes in der Welt, Hannover, Adolf Sponholtz Verlag 1948
  • Storl, Wolf-Dieter, Götterpflanze Bilsenkraut, Nachtschattenverlag 2004
  • Schulz, V., Hänsel, R. Rationale Phytotherapie, Ratgeber für Ärzte und Apotheker, 5. Auflage, Springer Berlin Heidelberg New York 2003

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